Aber natürlich wird es nicht leichter.

Im Gegenteil. Unser offizielles Trennungsdatum ist also der 1. Januar 2017. Von Trennung aber keine Spur. Es ist ja so unglaublich schwer eine Wohnung zu finden.

Vor allem, wenn im alten Zuhause für einen gewaschen und gekocht und aufgeräumt wird. Und überhaupt immer was zu Essen da ist. Und man kommen und gehen kann, wie man mag. Wir sind ja schließlich getrennt. Und um die Kinder kümmern? Joah….so wenn es denn halt sein muss.

Ich bin mit den Nerven am Ende.

Aber ER ist da. Fängt mich auf. Liebt mich. Küsst mich. Streichelt meine Seele. Und ja, inzwischen auch meinen Körper…

Ist aber gleichzeitig auch ungeduldig. Klar, ich entspreche sowieso schon nicht dem Bild, das seine Familie von einer „guten“ Frau für ihren Sohn hat.

Ich bin gut zehn Jahre älter, noch nicht aber fast geschieden, habe zwei Kinder, bin Christin…also, wie man das auch dreht und wendet…ich bin wenig ideal. Und so sollten wir doch wenigstens das Thema Hochzeit vorantreiben….Bitte?

Und so jongliere ich zwischen den Welten. Versuche allen und jedem gerecht zu werden. Mich und die Kinder mental und praktisch auf den (irgendwann) bevorstehenden Auszug des Papas vorzubereiten.

Und dann passiert, was passieren muss.

Bei einem unserer vielen Spaziergänge sind wir Wegesrand stehen geblieben und haben uns in einem innigen Kuss verloren. Bis ER plötzlich sagt: „Da kommt die Sowieso!“.

Ach, Du liebe Güte. Sie hatte uns natürlich längst gesehen, ein Ausweichen war unmöglich. Und ich sage: „Was machen wir denn jetzt? Was machen wir denn jetzt?“  (das ist bis heute ein Running-Gag zwischen uns, wenn wir uns nicht entscheiden können, was wir machen wollen, dann sagt einer von uns „Was machen wir denn jetzt? Was machen wir denn jetzt? und wir können uns meist nicht mehr halten vor Lachen)

Jedenfalls haben wir uns kurz und peinlich berührt – und damit war klar: jetzt ist eine Schwelle überschritten. Jetzt sind wir nicht mehr in der Unkenntlichkeit, in der Anonymität. Jetzt werden es Leute erfahren. Hier in diesem Mini-Dorf….

Kontrollverlust

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Der „Neue“

In diesem ganzen Trubel habe ich auch endlich wieder freizeitmäßig zu mir gefunden.

Ich bin sozial engagiert gewesen, seit ich denken kann. In allen möglichen Bereichen, zu allen möglichen Themen, mit allen möglichen Personengruppen.

Während meiner Ehe und der Zeit in denen die Kinder klein waren, habe ich auch dieses Engagement aus den Augen verloren. Und was es eigentlich für mich bedeutet.

Nun weiß jeder, von der „Flüchtlingswelle“ im Herbst 2015 (auch wenn „Welle“ ein wirklich blödes Wort ist…), was für mich der Weg zurück in die Flüchtlingsarbeit gewesen ist. Das kann ich. Reden, mich für andere einsetzen, mich mit Behörden und Ämtern auseinandersetzen, politisch sein, menschlich sein…ich liebe fremde Kulturen, Religionen, Sprachen…

Neben einiger Arbeit in Gremien und Gruppen hier im Landkreis, ist auch eine Gruppe junger Männer im Oktober 2015 hier in unseren Ort gezogen. Ich habe Deutsch-unterricht gegeben, mich um Behörenkram gekümmert, Jobs im Ort vermittelt.

Und wie es so ist, mag man natürlich nicht alle Menschen gleich, auch unter den Geflüchteten gab (und gibt) es speziellere Menschen, die einem wichtiger und näher sind.

So einer war ER. Er hat unglaublich schnell und fleißig Deutsch gelernt. Damals noch 30 Jahre jung und irgendwie angenehm respektvoll, weich, emotional, höflich.

Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Im Unterricht. Bei der Praktikums- und Jobsuche. Stück für Stück habe ich aus seinem Leben erfahren. Meine Jungs fanden ihn großartig. Alle drei. Und so ist über das Jahr hin eine Freundschaft entstanden. Mit unserer ganzen Familie.

Und jetzt zurück ins Jahr 2016. Es ist also September. Die Trennung von meinem Mann ist beschlossene Sache, alles ist frisch, wund, neu, mit Erleichterung aber auch mit der Angst, was wohl kommen wird verbunden.

Und plötzlich – ich schwöre, wie aus heiterem Himmel – gesteht ER mir seine Liebe.

Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, versuche adäquat zu reagieren (was mir nicht wirklich gelingt…), lache, erkläre, ich wäre verheiratet und das käme für mich niemals in Frage. Aber er ist eben emotional sehr weit vorne. Sagt zu mir, dass er glaubt, dass meine Ehe am Ende sei. Dass ich keine Liebe mehr bekommen würde. Und sagt einfach so Sachen zu mir, nach denen mein Herz lechzt…wie schön ich bin. Wie wundervoll. Wie begehrenswert.

Ich gehe weg.

Es wird Oktober. ER hält respektvoll Abstand. Ich auch. Bis zu diesem einen Nachmittag. Wir gehen spazieren. Reden über Gott und die Welt. Setzen uns auf eine Bank. Es dämmert bereits. Er nimmt meine Hand. Hält sie still in seiner. Sagt mir, dass er es nicht aushalten kann. Ohne mich. Er wehrt sich schon ein Jahr gegen seine Gefühle. Hat sich in mich verliebt, als er mich zum ersten Mal gesehen hat.

Und ich? Sitze da wie ein Teenager. Habe Herzklopfen. Und zum ersten Mal ein wirklich schlechtes Gewissen. Da war ich mit einigen Kerlen im Bett. Während ich noch nicht getrennt war. Nie die Spur eines schlechten Gewissens. Und jetzt? In diesem Moment? Krümmt sich mein Magen und ich kann nichts anderes denken, als „Das darf nicht sein!“.

Warum nur? Einfache Frage – einfache Antwort. Ich war schon verliebt. Und bei den anderen war (natürlich) niemals von Liebe die Rede.

Und nun sitze ich also mit diesem jungen – Verzeihung, mehr als zehn (!) Jahre jüngeren – gut aussehenden, fremdländischen Mann (hab ich noch gar nicht erwähnt….er ist aus Pakistan) auf einer blöden Parkbank und bin….außer mir.

Plötzlich küsst er mich. Er weiß genau, dass ich es auch will. Weiß genau, dass ich nach seinen Lippen, seinen Berührungen giere. Und er küsst genau, wie ich es mir vorgestellt habe. Was? Ich habe mir seine Küsse vorgestellt? Im Ernst? Klar, habe ich die Magie zwischen uns gespürt. Seine Nähe gesucht. Aber NIEMALS körperlich. Er hat mich bis zu diesem Augenblick im Park respektvoll gesiezt. Mehr als Hände geben war nicht.

Ich habe ihn weggestoßen. Nein! Ich will nicht. Ich kann nicht. Die Situation ist zu verworren. Ich bin noch nicht mal richtig getrennt. Ich will Ordnung. Ruhe. Kein neues Chaos. Mich ausschließlich um die Kinder kümmern. Ich gehe weg.

Er schreibt mir Nachrichten. Ich meide seine Nähe.

Dann gibt es eine schlimme Auseinandersetzung in seiner Unterkunft. Er steht vor unserer Tür, weint, ist völlig aufgelöst.

Und was sagen meine hilfsbereiten, liebevollen Männer? Lass ihn doch erstmal bei  uns wohnen.

Mein Nicht-mehr-Ehemann schläft sowieso schon seit Wochen im Wohnzimmer auf der Liege, der große Sohn räumt sein Zimmer und zieht zu mir ins Ehebett und ER kann in aller Ruhe das Kinderzimmer haben. Das ist nicht euer Ernst?!?!

Was folgt, ist eine absolut verrückte Zeit. ER ist von November bis Neujahr bei uns. Und wir kommen uns näher und näher. Kochen zusammen. Lachen miteinander. Gehen spazieren.

Bereiten seine Anhörung vor, für die er einen Bericht über seine Fluchtgründe und seine Flucht schreiben will. Wir sitzen Abend für Abend in der Küche, er erzählt alles. Es ist so schwer. Oft muss er weinen, dann geht gar nichts mehr. Er braucht Zeit. Aber er will, dass ich dabei bin. Will reden. Und so erfahre ich Stück für Stück das Leben dieses Mannes. Vieles ist unglaublich verwirrend für mich, schwer zu verstehen. Schwer auszuhalten.

Wir sind so verschieden. Kommen aus komplett unterschiedlichen Welten. Und es sind nicht nur die klassischen Vorurteile. Er Muslim, ich Christin. Das ist viel mehr. Es ist eine ganz andere Sozialisierung, Erziehung. Ein anderes Frauenbild. Nicht respektlos, nein, das nicht, eher im Gegenteil. Trotzdem bleibt ihm vieles, was ich tue, fremd.

Genauso, wie mir viele seiner Verhaltensweisen fremd und unheimlich bleiben.

Es ist eine unfassbar intensive Zeit. Aber auch anstrengend. Ich versuche seinen körperlichen Avancen so gut ich kann, auszuweichen. Das wäre zu skurril, zu verrückt.

Weihnachten ist krass. Meine Schwiegermutter ist da und meine Mutter. Und ER. Und wir feiern zusammen. Packen Geschenke aus. Spielen später Mensch ärgere dich nicht.

Meine Schwiegermutter ist sauer. Weil ER da ist. Er ist zu viel fremd für sie. Zu unheimlich.

Wir erzählen ihr von der Trennung. Ich rede in Ruhe mit ihr. Sie weint. Fragt nach Gründen. Ich gebe ihr zwei, drei kleine Beispiele. Sie hält meine Hand. Weint wieder und sagt: „Ich kann dich verstehen.“

Das war das letzte Mal, dass ich mit meiner Schwiegermutter gesprochen habe…

Nach Neujahr halte ich es nicht mehr aus. Er geht. Gott sei Dank. Es ist zu viel. Für mich. Für ihn.

Ich stehe in der Küche und weine. Meine Mutter kommt rein und sagt: „Du bist verliebt.“ Und ich weine noch mehr. Ja. Ich bin verliebt. Verdammt noch mal. Ich bin verliebt. Ausgerechnet jetzt….

Ausgesprochen….

Das Ganze wird nicht wirklich einfacher, weil es mal ausgesprochen ist.

Das eigene Herz wird ein wenig leichter. Man hat das Gefühl, sich selber treu zu sein.

Mein Mann hat jedenfalls nicht lange gefackelt und mich direkt gefragt, ob ich ihm fremd gegangen sei.

Ich kann mich ganz genau an diesen Augenblick erinnern. Es war in unserer Küche, spätabends, ich war von irgend einer Veranstaltung nach Hause gekommen. Die Kinder waren längst im Bett. Es hat nur noch die kleine Lampe über dem Spülbecken gebrannt, eigentlich eine warme, heimelige Atmosphäre.

Für einen Moment hat es mir wirklich die Sprache verschlagen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, in meinem Kopf haben sich alle Gedanken überschlagen. Was sollte ich nur sagen? Weiß er was? Ahnt er was? Ist jetzt die Zeit für die Wahrheit gekommen?

Doch dann, ganz plötzlich, habe ich klar gesehen. Und ich habe ihm auf den Kopf zu gesagt: „Wieso fragst du, wenn du sowieso schon alles weißt?“

Ja, ich habe ein Tagebuch geführt. Über diese Monate. Über mein Fremdgehen. Nicht mein normales, nein, ein speziell dafür angeschafftes. Nicht als Aufzeichnung meiner Trophäen, viel mehr als Begleiter in dieser verwirrenden Zeit. Was passiert da mit mir, was passiert mit meiner Ehe, mit meiner Familie? Ganz unzensierte, freie, ungezwungene Gedanken. Einfach aus dem Bauch raus aufgeschrieben.  Und in diesem Moment da in der Küche wusste ich:

er hat es gelesen.

Ich war vielleicht nicht besonders sorgfältig im Verstecken des Buches gewesen, hatte es in einer meiner älteren Handtaschen im Schrank im Schlafzimmer deponiert. Aber es zu finden, musste trotz allem Einiges an Ausdauer und Willen gekostet haben.

Er hat unumwunden zugegeben, dass er es gelesen hat. Was in meinem Kopf sofort die Frage aufgeworfen hat, wie viele Jahre er mich wohl auf diese Art und Weise schon mit meinem normalen, nicht wirklich versteckten Tagebuch „begleitet“ hatte…

Ich war schockiert, fassungslos, traurig….und…erleichtert.

Er hat mir kaum Vorwürfe gemacht, war eher resigniert. Vielleicht hat er durch das Lesen auch verstanden, dass es mir nicht um Sex ging. Nicht ausschließlich. Sondern um etwas, was in unserer Ehe „ausgestorben“ war…

Auch er war traurig, enttäuscht, klar…aber auch verständnisvoll. An diesem Abend hat er einer Trennung zugestimmt. Wir haben ruhig und vertraut wie lange nicht mehr, miteinander gesprochen. Keinen Rosenkrieg. Vielleicht die Option auf eine gemeinsame Zukunft. Wenn wir beide wieder Fuß gefasst haben, uns sortiert haben. Kein Theater vor den Kindern.

Ich wusste, er verachtet alle Männer in unserem Umfeld, die ihre Frauen und Kinder nach einer Trennung schlecht behandeln. Die nicht ordentlich Unterhalt bezahlen. Die komplette Erziehungsverantwortung bei der Frau belassen. Sich aus dem Staub machen. Nur noch die geliebten und begehrten „Wochenend-Daddies“ sind. Nein, das wollte er unter keinen Umständen. Und so gab es an diesem Abend das erste Zugeständnis, egal, was passiert, er würde ermöglichen, dass wir in unserer heiß geliebten Wohnung bleiben und die Kinder somit ihren Lebensmittelpunkt behalten können….

Gut, dass ich da noch nicht wusste, was alles auf mich zukommen würde.

Unser großer Sohn hat relativ schnell mitbekommen, wie der Hase läuft und uns nach kürzester Zeit bei einem gemeinsamen Frühstück ganz beiläufig gefragt, ob wir uns trennen würden…ok…so war das eigentlich nicht geplant gewesen.

Aber wir beide, ganz in unserem „Wir-kriegen-das-mit-der-Trennung-total-vorbildlich-hin“-Wahn, haben vernünftig gemeinsam mit ihm gesprochen, alles erklärt und es hat gepasst.

Der Kleine sollte es noch nicht wissen, der Große hat gesagt, das wäre so weit für ihn in Ordnung, sonst würde er es uns sagen. Bilderbuch.

Allerdings nur noch ein paar Tage…….

Sonntag

Jetzt wird es Zeit. Zu erzählen. Was für ein unglaubliches Jahr hinter mir liegt. Nein, eigentlich sind es zwei Jahre…ja, ich werde so weit ausholen. Damit ich nichts vergesse, nichts „hinten runterfällt“…

Mein Mann und ich sind unglaubliche dreizehn Jahre zusammen. Wobei das so nicht mehr stimmt. Wir sind nicht mehr zusammen. Am vergangenen Freitag hatte ich den ersten Termin bei einer, auf Scheidungen spezialisierten, Anwältin…

So viele Scherben, so viel Schmerz. Wir haben uns ganz klassisch auseinandergelebt. Wie viele Paare sagen das wohl am Ende ihrer Beziehung?

Wir haben zwei wundervolle Kinder. Und ja, das Auseinanderbrechen hat mit dem zweiten Kind begonnen. Wir waren kein Paar mehr. Nur noch Eltern. Haben funktioniert. Reagiert nicht mehr agiert. Sind tagtäglich unserem Leben hinterhergerannt. Haben Informationen, Aufträge, Nachrichten ausgetauscht – aber schon lange keine verliebten Blicke, Liebesbotschaften mehr. Haben uns nicht mehr gesehen. Nicht mehr unsere Sorgen, Nöte, Träume, Wünsche…einfach ein großes Vakuum.

Heute ist eben dieses Kind fast sechs Jahre alt. Man kann sich also vorstellen, dass eine lange und bittere „Leidenszeit“ hinter uns liegt.

Ausschlaggebend für mich, das alles überhaupt zu bemerken, war, dass ich mir selbst wieder näher gekommen bin. Das hört sich ziemlich verrückt an, ich weiß. Näher zu mir selbst, weiter weg von meinem Ehemann…

Auf einmal war es da. Das Bedürfnis, so nicht mehr weiterleben zu wollen. Nicht mehr ungeliebt und ungesehen durch mein Leben rennen zu wollen. Genau so habe ich mich gefühlt. Ungeliebt, unweiblich, unattraktiv, unbeachtet. Das kann man eine ganze Zeit aushalten. Gerade im Chaos des Alltags.

Aber dann ist der Kleine in den Kindergarten gekommen, musste nicht mehr gewickelt werden, ist Tag für Tag selbständiger geworden…da entsteht plötzlich ein ungeahntes „Zeitkontingent“…und das musste irgendwie gefüllt werden. Gearbeitet habe ich immer. Ich war nie die klassische „Daheimbleib-Mama“, aber die freie Zeit einfach dafür verwenden um mehr zu arbeiten? Das erschien mir tatsächlich nicht sinnvoll. Ich wollte etwas für mich tun. Also habe ich fast vierzig Kilo abgenommen. Und mit jedem Pfund weniger wurde meine Wut größer. Auf mich. Auf ihn. Was war nur passiert? Und warum hatten wir das zugelassen? Und so wurde aus diesem dicken, aggressiven Etwas, nach und nach wieder eine Frau. Mit allem was dazu gehört.

Ein unglaublich schmerzhafter Prozess. Ich war auf mich selbst zurückgeworfen. Musste unbedingt und gnadenlos ehrlich zu mir selber sein. So viele Gedanken…so eine große Trauer. Um verpasste Chancen und Möglichkeiten, darum, dass ich womöglich jahrelang keine gute Mutter gewesen war und letztlich um meine Liebe. Die Liebe meines Lebens.  So hatte ich es am Altar geschworen. Und es auch so gemeint.

Was dann gekommen ist, war unglaublich bitter. Der Versuch einer Eherettung. So viele Gespräche, Versuche, uns gegenseitig zu verstehen, wieder aufeinander zu zu gehen. Eine angefangene und dann doch wieder abgebrochene Paarberatung.

Nein, wir haben wirklich keinen Sex mehr. Wie lange schon? Hmmm, vielleicht drei Jahre oder so? Nein, es liegt keine organische Störung vor. Er mag einfach nicht. Sagt, er will keinen Sex. Und es liegt nicht an mir….

Was für eine Schmach. Für eine Erniedrigung. Jedes Mal. Nein, da ist man keine ganze Frau mehr. Da wird nur noch deutlicher, was man (auch für den anderen) ist: Mutter, Hausfrau, fleißige, zuverlässige Arbeitsbiene. Aber keine Frau mehr. Keine Partnerin. Keine „Sexgöttin“. Wieder nur ein Vakuum.

Auf das, was jetzt kommt, bin ich wahrlich nicht stolz.

Ich habe mir im Internet ein „Fremdgeh-Portal“ rausgesucht. Ich musste Klarheit haben. Wissen, ob ich noch eine Frau bin, was ich will, was ich kann, wie mein Leben weitergehen soll.

Meine persönliche Meinung ist, schon alleine das Anmelden bei so einem Portal, das Ausfüllen diverser Fragebögen, ist Fremdgehen. Das ist so bewusst. So klar. Da kann man nicht mehr sagen „da bin ich halt so reingerutscht“…nein. Die kriminelle Energie fängt bei der Suche nach einem passenden Nickname an und hört dabei auf, wenn man sich und seine körperlichen Vorzüge versucht anzupreisen.

Natürlich habe ich vorher recherchiert, welches Portal mir zusagt. Ich bin über vierzig, hab keine Lust gehabt auf „stupides, geistloses Geficke“ (sorry…) und wollte mich definitiv nicht unter Wert verkaufen.

Trotzdem habe ich nicht mit dem gerechnet, was dann passiert ist. In Hochzeiten habe ich am Tag zwanzig/dreißig Mails bekommen. Und plötzlich auch Schiss vor meiner eigenen Courage. Nach einer selbst verordneten Nachdenkpause, habe ich mich mit einem getroffen, mit dem ich vorher schon mehrere Wochen geschrieben hatte.

Und was alleine schon dieses Schreiben mit mir gemacht hat, kann ich gar nicht richtig erklären. Diese Männer waren an MIR interessiert. Als Frau. Wollten mich kennenlernen. Unfassbar. Ich war gut gelaunt, getragen von der Leichtigkeit des Flirtens, ob wohl noch gar nichts passiert war.

Das erste Treffen, der erste Kuss…ich war wieder jemand.

Getroffen habe ich mich mit mehreren, Geschlafen habe ich nicht mit allen. Ich wurde (selbst-)sicherer, bewusster, klarer…und jeden Tag ein Stück mehr ich selber.

Manchmal bin ich von einem Treffen nach Hause gefahren und habe bitterlich geweint. Nicht wegen irgendwelcher Schuldgefühle. die mich tatsächlich nie geplagt haben. Sondern wegen so viel verpasster Lebenszeit, wegen so viel ertragener Qual und Leid.

Nein, es geht nicht nur um Sex. Es geht um Aufmerksamkeit. Um Begehren. Um Leidenschaft. Um Leben. Lebendigsein.

Ich glaube heute mehr denn je daran, dass das alles auch innerhalb einer Beziehung oder Ehe funktionieren kann. Aber dazu gehören Mut. Und Offenheit. Und Deutlichkeit.

Man muss sich dem anderen gegenüber auch klar artikulieren. Sich trotzdem zuhören, Sich fühlen und spüren. Darf den Faden niemals abreißen lassen.

Und eines Tages im September 2016 wusste ich…jetzt ist es vorbei. Ich weiß genug. Bin mir wieder selber ganz nah. Dann habe ich mein Profil gelöscht. Und meinem Mann gesagt, dass ich mich von ihm trennen will….

 

Los geht’s…

…mit einem schrecklichen Satz, der vielleicht klar macht, warum meine Sehnsucht nach Schreiben zwar groß, meine Angst, dass es jemand liest oder mir „nimmt“ den ich kenne, aber noch größer ist…

„Jemand hat meine Tagebücher geklaut „

Die Tragweite dieses Satzes ist mir selber erst vor einigen Wochen klar geworden.

Und wie sehr mich diese Tat „verstümmelt“ hat.

Nein, nicht der materielle Verlust von drei in harte Pappe gebundenen, fadengehefteten Büchern mit lustigen, bunten Umschlägen ist das eigentliche Problem.

Es ist das Gefühl, das jemand in mein Innerstes, mein Verborgenstes, Intimstes eingedrungen ist. Ohne mein Wissen, ohne meinen Willen, ohne mein Zutun oder meine Erlaubnis.

Diese Ohnmacht, Scham, das Gefühl der Hilflosigkeit haben mich wochenlang gelähmt.

Und auch alles, was sonst noch so passiert ist.

Jetzt ist es an der Zeit, zum einen diesen Verlust angemessen zu betrauern, aber auch zum anderen wieder aufzustehen und endlich zu reden (bzw. zu schreiben).

Zu erzählen, was mir im letzten Jahr alles passiert ist. Warum ich schon seit einem Jahr nicht mehr geschrieben habe.

Und mit dem Schreiben einen Weg zu finden, wie es weitergehen soll, kann und wird…

Auch wenn ich in letzter Zeit ganz oft daran gezweifelt habe: ich bin stark umd mein Leben ist es wert gelebt zu werden!

Und hier beginnt meine Geschichte….